Ideologisierte Naturwissenschaften vs. Geisteswissenschaften: der Wolf im historischen Wallis

Biologie-Professor Raphaël Arlettaz täte sich wohl daran, einen Blick über den wissenschaftlichen Gartenhag zu werfen, bevor er zu soziologischen Exkursen fern jedweder Objektivität ausholt. Denn entgegen der Annahmen manch eines Naturwissenschaftlers, vermag die Geschichte in der Frage der Wolfsproblematik einiges zu lehren, wenn sie denn gehört werden würde:

Seit dem 16. Jahrhundert findet man im Wallis der Wildtierregulation zudienende Jagdverordnungen. Während des gesamten Jahres gejagt werden durften Bär und Wolf, denn die im Einklang mit der Natur lebenden Walliser waren sich ihres Schadenpotenzials vollumfänglich bewusst. Deshalb setzte der Landrat Anreize in Form von Prämien, die für jedes erlegte Tier ausgeschüttet wurden. 1537 bis 1612 betrug die Anzahl der prämierten Wölfe allein in der Landvogtei St-Maurice, bei massiv niedrigeren Bevölkerungszahlen und Nutztierbeständen, bis zu 40 Tiere im Jahr. Auch wenn historische Quellen im Oberwallis dürftiger überliefert sind, dienten die gesetzlichen Vorschriften und die Verfolgung der Raubtiere auch hier dem Schutz der Nutztiere. Eine vernünftige, landwirtschaftsfreundliche Regulation der wachsenden Wolfspopulationen wird auch künftig nur möglich sein, wenn ein Flexibilität einräumender legislativer Rahmen geschaffen wird.

Und nein, Herr Professor, eine Bedrohung des eigenen Lebens durch den Wolf empfinden die wenigsten Oberwalliserinnen. Vielmehr sind wir es, tatsächlich emotional getroffen, leid, dem Niedergemetzel der mit Herzblut herangezüchteten Herden und dem bewusst in Kauf genommenen schleichenden Niedergang unserer Berglandwirtschaft tatenlos zuzuschauen. Wenn Wolfsromantik den wissenschaftlichen Geist vernebelt, fragt’s sich doch glatt, ob der Bau von Hochsicherheitstrakten auf den Alpen mehr Sinn macht als das naturverbunden-pragmatische Handeln unserer Vorfahren.